Die feinen Unterschiede – Eine Antwort auf eine Antwort

(von Simon Sahner)

Zunächst möchte ich kurz erläutern, warum ich mir das Recht herausnehme, hier eine Reaktion auf Tobias Nazemis Text Ein Wochenende mit Biller, den er auf seinem Blog Buchrevier ( https://buchrevier.com/2018/09/02/ein-wochenende-mit-biller/ ) am 03. September 2018 veröffentlicht hat, zu schreiben. Diese Erklärung ist nötig, weil sonst nicht klar würde, was ausgerechnet ich zu diesem Thema zu sagen habe.

Nazemi hat am 31. August einen Leserbrief an den Autor Maxim Biller auf seinem Blog online gestellt ( https://buchrevier.com/2018/08/31/leserbrief-13/ ). Dieser Brief kritisiert inbesondere Billers Thematisierung seiner jüdischen Identität und sein scheinbar damit verbundenes „Sendungsbewusstsein“.  Da die geübte Kritik falsch begründet und ungeschickt formuliert ist, wurde der Blogbeitrag vehement und mit dem Vorwurf, der Verfasser würde antisemitische Klischees bedienen, kritisiert (von verschiedenen Personen aus Literatur(blogger*innen)kreisen u.a. Katharina Herrmann, Florian Kessler, Berit Glanz. Nachzulesen: https://www.facebook.com/1509974952618130/posts/2182504388698513/  Ein Satz dazu: Nazemi meint, die Kritiker*innen würden sich erst aus der Deckung trauen, nachdem jemand mit der Autorität von Florian Kessler Kritik geübt habe; dazu sei angemerkt, dass Katharina Herrmann noch vor ihm auf Facebook Kritik geäußert hat). Berit Glanz verwies in einem Kommentar zu dem Leserbrief auf eine von mir verfasste Polemik zu Maxim Biller ( https://buchdruckliteratur.com/2018/06/26/die-leiden-des-maxim-biller-eine-polemik/ ). Diesen Text zitiert Nazemi in seiner Antwort und nutzt ihn dazu, um zu behaupten, dass er so unrecht nicht gehabt habe. Aus diesem Grund – und ich entschuldige mich für diesen langen Vorbau – möchte auch ich mich äußern. Leider gibt Nazemi, obwohl er wörtlich zitiert, keinen Link zu meinem Text an und erwähnt auch nicht meinen Namen, sodass es Leser*innen schwerfallen dürfte, nachzuprüfen, wie ich mit dem Thema umgegangen bin. (Anmerkung 03.09.2018, 22.20 Uhr: Inzwischen hat Nazemi dort einen Link eingefügt).

Ich möchte Nazemis Antwortschreiben hier etwas analysieren, weil es mich irritiert und auch ratlos zurückgelassen hat, da es meiner Ansicht nach kaum etwas besser macht und ich erklären möchte, warum ich ungern als Gewährsmann für seine Biller-Kritik herhalten möchte.

Ich halte nicht viel von Maxim Biller als Schriftsteller und auch als Literaturkritiker hat er mich mehr genervt. Nazemis Kritik an Billers Verhalten im Literarischen Quartett stimme ich daher in Teilen zu, Biller hat oft sinnlos und haarsträubend provoziert und teilweise auch deutliche Textunkenntnis erkennen lassen. Was Nazemi aber zudem gestört hat – und darauf verweist er nun auch in seiner Antwort wieder –, ist Billers häufige Erwähnung und Thematisierung seiner jüdischen Identität. Er rechtfertigt die Kritik an Billers Äußerungen, indem er Juden mit „Christen, Moslems und Buddhisten“ vergleicht, die auch nicht ständig ihren Glauben thematisieren würden. Dabei begeht Nazemi einen entscheidenden Fehler: Jude zu sein ist nicht das Gleiche wie Christ, Muslim oder Buddhist zu sein. Jude zu sein – und das ist unter anderem das Ergebnis von Jahrhunderten von Antisemitismus – ist eine Identität, die sich nicht allein auf religiösen Glauben gründet. Wenn ich nicht an einen christlichen Gott glaube, dann bin ich kein Christ, wenn Maxim Biller nicht an das glaubt, was in der Thora steht, ist er immer noch Jude. Das ist – vereinfacht ausgedrückt – der Unterschied. Den gleichen Fehler begeht er einige Passagen später noch einmal: „[…] ich würde eine christliche oder muslimische Monothematik bei einem Autor doch genauso kritisieren. Hier mache ich zwischen Religionen und Weltanschauungen eigentlich keinen Unterschied.“ Ich habe nicht genug Kritiken von Nazemi gelesen, um den zweiten Satz zu falsi- oder verifizieren, aber auch hier begeht er den Fehler davon auszugehen, dass die Erwähnung des Christ-Seins genauso bewertet werden muss, wie die des Jude-Seins. Nazemi rechtfertigt sich: „Denn wer Juden andere Rechte zugesteht als Christen oder Moslems, grenzt sie doch schon aus.“ Das sei doch selbst, das wisse er auch ohne sich mit dem Thema beschäftigt zu haben, ein antisemitisches Konzept. Tatsächlich gibt es in der Antisemitismus-Forschung die Debatte, ob Philosemitismus – die besonders wohlwollende Behandlung von Juden bzw. jüdischen Anliegen – nicht auch eine Form des Antisemitismus ist. Sozusagen „umgekehrter Antisemitismus“ (Michael Brenner: Philosemitismus, http://referenceworks.brillonline.com/entries/religion-in-geschichte-und-gegenwart/philosemitismus-SIM_124377?s.num=0&s.rows=20&s.mode=DEFAULT&s.f.s2_parent=religion-in-geschichte-und-gegenwart&s.start=0&s.q=philosemitismus ). Das trifft ungefähr Nazemis Argumentation. Allerdings ist es m.E. für in Deutschland Aufgewachsene kaum möglich, dem Themenbereich Jude, jüdische Kultur, Judentum etc. den gleichen Umgang zukommen zu lassen, wie Christ, christliche Kultur und Christentum. Dass das so ist, erklärt sich nicht nur aus der deutschen Geschichte, die den Diskurs um den Umgang mit Juden für immer verändert hat, sondern auch aus der Tatsache, dass in Deutschland bis heute nachweislich Antisemitismus existiert. Antisemitismus hat die deutsche und europäische Kultur, unsere Debatten und Diskurse nicht erst seit 1933 derart geprägt, dass eine Kritik an Jüdischem immer einer anderen Betrachtung unterliegen muss als eine Kritik an Christlichem und das nicht nur, weil jüdisch eben auch eine Identität ist und nicht nur eine Religionszugehörigkeit beschreibt.
Florian Kessler merkt unter anderem korrekt an, dass es antisemitisch sei, Juden andere Eigenschaften als anderen Menschen zuzuweisen. Nazemi wirft Biller nun mit Verweis darauf vor, selbst antisemitisch zu handeln, wenn er auf die Besonderheiten seiner jüdischen Kultur verweise und besonders als jüdischer Autor wahrgenommen werden will, weil er sich damit selbst in ein „konstruiertes Kollektiv“ einordne. Nazemi bezeichnet dies auch noch als „genialen Schachzug“, was man als Vorwurf an Biller lesen kann, dies auch einzukalkulieren – womit wir übrigens auch schon wieder nahe am antisemitischen Klischee des gerissenen Juden sind.
Dabei vergisst Nazemi, dass die Identität Jude nicht wählbar ist, Biller ist Jude, ob er will oder nicht und er wird als Jude wahrgenommen, ob er will oder nicht. Das zu thematisieren ist ebenso sein Recht, wie es das Recht von Afrodeutschen ist, ihre Identität zu thematisieren. Beide Gruppen haben sich ihre Identität und ihren Status innerhalb der deutschen Mehrheitsgesellschaft nicht ausgesucht.

Und wenn Nazemi sich eingelesen hätte, was ihm von Katharina Herrmann geraten wurde, wüsste er das auch. Dass er das eben nicht getan hat, betont er seltsamerweise. Sich nach dem Vorwurf antisemitische Konzepte und Klischees zu bedienen, was offensichtlich aus Unkenntnis der Thematik resultierte, nicht in das Thema einzulesen, sich geradezu demonstrativ nicht damit zu beschäftigen, zeugt leider nicht von Einsicht und schon gar nicht von Interesse, sich mit den Vorwürfen näher zu befassen.
Bis dahin nutzt Nazemi das Argument, Jude zu sein sei auch nur eine Religionszugehörigkeit wie Christ oder Moslem und dürfe daher auch nicht anders behandelt werden, als Rechtfertigung für seinen Umgang mit Biller. Umso seltsamer, dass er in der zweiten Hälfte von Ein Wochenende mit Biller auf einmal schreibt: „Jüdisch-sein ist nochmal was anderes als Christ zu sein. Jüdisch sein ist eine Identität“. Diese Erkenntnis führt leider dazu, dass seine gesamte Rechtfertigung sinnlos erscheint, weil sie auf eben der Gleichsetzung von Jude-sein und Christ-sein beruhte.

So erscheint Nazemis Antwort- und Rechtfertigungsschreiben nun sehr wirr. Es wiederholt nicht nur eben jene Fehler des Ausgangstexts und nutzt diese als Rechtfertigung, sondern gesteht diese Fehler dann noch ein, wodurch die Rechtfertigung wiederum nichtig wird. Zudem erscheint die Betonung, dass er sich, obwohl es ihm geraten wurde, sich bewusst nicht informiert habe, angesichts der Vorwürfe haarsträubend. Nazemi hat sich in seinem Ausgangstext an ein zurecht heikles Thema gewagt, bei dem Wissen um den Diskurs, die Geschichte des Themas, den Umgang damit usw. von absoluter Notwendigkeit ist, um eben nicht antisemitische Klischees zu bedienen. Die Vorsicht, die man bei diesem Thema walten lassen muss, kenne ich aus eigener Erfahrung. Bevor ich meinen Text zu Biller veröffentlichte, ließ ich ihn von zwei Kolleg*innen lesen und korrigieren, um sicher zu gehen, nicht doch irgendwo in antisemitische Klischees zu verfallen, weil das schneller passiert als einem lieb ist. So sehr sind diese Klischees und Fehlschlüsse in unserem Denken verankert. Nazemi nutzt nun folgende Passage aus meinem Text:

Da Maxim Biller vermutlich selbst weiß, dass seine eigene Literatur kaum als Gegenbeispiel für die von ihm kritisierte blutleere Gegenwartsliteratur taugt, hebt Biller auf das Argument ab, dass die Nichtbeachtung, die ihm zuteil wird, mit seinem Jüdischsein zusammenhängt. Nicht nur in der Heidelberg Vorlesung, sondern bereits in einem Beitrag für die ZEIT nach Erscheinen seines aktuellen Romans Biografie, macht er Antisemitismus dafür verantwortlich, dass er literarisch nicht anerkannt wird.“  

Er nutzt sie, um zu zeigen, dass er „nicht so ganz falsch gelegen“ habe. Hier fühle ich mich nun genötigt, mich zu erklären, weil meine Argumentation aus dem Kontext gerissen wurde. Biller argumentiert folgendermaßen: alle deutschen Literaturkritiker*innen stammen wissenschaftlich in dritter Generation von nationalsozialistischen Germanisten ab und haben daher einen Blick auf Literatur internalisiert, der es ihnen unmöglich macht, sich auf einer literarischen Ebene adäquat mit Billers Werk zu beschäftigen. Dass Biller damit dem gesamten deutschen Literaturbetrieb die Fähigkeit abspricht, sich mit seinem Werk auseinanderzusetzen, ist natürlich sehr frag- und diskussionswürdig und zu dieser Kritik stehe ich auch. Ich habe allerdings nicht in Frage gestellt und kritisiert, dass Biller seine jüdische Identität thematisieren darf und soll. Nazemi nutzt meine oben zitierte Aussage um folgende Passage, die er Biller in den Mund legt, zu rechtfertigen:

Und vielleicht geht da sogar noch mehr. Shortlist und sogar der Titel und die 25.000 Euro – alles drin diesmal. Glaubst du nicht? Warum nicht? Ach, ich weiß schon, was du sagen willst. Dass nach Robert Menasse nicht schon wieder ein Jude den Deutschen Buchpreis gewinnen wird. Hab ich recht? Siehste!“

Warum ist das etwas anderes? Wenn Biller sagt, dass deutsche Literaturkritiker*innen nicht in der Lage seien, sein Werk gerecht zu bewerten, weil sie in einem System ausgebildet wurden, das seine antisemitischen Wurzeln noch nicht überwunden hat, dann unterstellt er ihnen unbewusstes Handeln. Sie haben dann gar nicht die Möglichkeit, Billers Romane fair zu kritisieren, weil sie innerhalb von Denkstrukturen gelernt haben, die einen solchen Umgang mit einem jüdischen Autor unmöglich machen. Ich finde diese Aussage Billers höchst diskutabel. Sie ist aber etwas anderes als wenn Biller behaupten würde, ein Jude könne nicht den Deutschen Buchpreis gewinnen, weil im Jahr zuvor bereits ein Jude den Preis gewonnen hat. Diese Aussage suggeriert, Biller unterstelle dem deutschen Literaturbetrieb zu Unrecht Antisemitismus und es schwingt zudem mit, Biller solle doch endlich einmal aufhören, sein Jude-Sein zu thematisieren und sich lieber auf sein Schreiben konzentrieren. Ich bin im Gegenteil davon überzeugt, dass es im deutschen Literaturbetrieb Antisemitismus (bewusst und unbewusst) gibt und dass Biller diesen auch erfahren hat. Es wäre absurd das auszuschließen; warum, lege ich in meinem Text dar. Was ich jedoch nicht tue, ist Biller seine Thematisierung des Jüdisch-Seins vorzuwerfen. Lediglich seine Behauptung, dass die schlechten Kritiken seiner Romane ausschließlich an antisemitischen Tendenzen der Kritiker liegen würden, finde ich falsch. Das deutlich zu machen, war mir wichtig, da ich nicht den Eindruck entstehen lassen wollte, ich würde in die gleiche Kerbe schlagen wie Nazemis Leserbrief an Biller.
Man mag nun einwenden, dass sei ja gar nicht so weit entfernt, von dem, was Nazemi tut und meine Einwände seien detailversessen und kleinlich. Das mag stimmen. Es sind feine Unterschiede und Details, aber das ist die Krux am Umgang mit diesem Thema: Manchmal entscheiden Nuancen und einzelne Begriffe, ob etwas antisemitisch ist und/oder antisemitische Klischees bedient oder nicht. Niemand, der sich mit Literatur von jüdischen Autor*innen auseinandersetzt und diese kritisiert, ist davor gefeit. Genau deswegen ist es unabdingbar, in diesem Fall Worte abzuwägen, sich zu informieren und sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

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