Am Text – Simon Strauß „Sieben Nächte“ – die richtigen Probleme

Die Debatte um die rechtspopulistischen Tendenzen im Debütroman von Simon Strauß ist abgekühlt. Die Frage, die kaum beantwortet wurde: Inwieweit sich der Vorwurf direkt am Text festmachen lässt. Ein literaturwissenschaftlicher Essay.

(von Simon Sahner)

Zwanzig Jahre nachdem Christian Kracht seinen Ich-Erzähler in Faserland über die deutsche Gesellschaft herziehen ließ und bewusst den – in seinem Fall lächerlichen – Verdacht aufkommen ließ, hier spräche der Autor selbst, lässt nun der Autor und FAZ-Feuilletonist Simon Strauß (29) in seinem Debütroman Sieben Nächte wieder einen jungen Mann von seiner Verachtung für die Gegenwartskultur dieses Landes erzählen. Und wieder setzt man den Erzähler mit seinem Autor gleich, aber diesmal vielleicht sogar zu Recht.

Im Gegensatz zu Krachts Erzähler ist Strauß‘ Erzähler offenkundig gebildet und sprachgewandt – oder möchte das zumindest vermitteln. Auch das Land, das er verachtet, hat sich inzwischen verändert, aus der wiedervereinigten BRD der 1990er Jahre – zwischen postmoderner Ironie und wohlstandsverwahrloster Dekadenz – ist ein vermeintliches Wohlfühlland geworden, in dem junge, gebildete Menschen umwelt- und ernährungsbewusst leben, in dem die vermeintliche Herrschaft identitätspolitischer Umsicht Einzug gehalten hat, das aber gleichzeitig kulturell gespalten und ideologisch nervös ist, wie schon lange nicht mehr. Man könnte sagen, in gewisser Weise sind wir auf der Oberfläche vernünftig geworden, darunter brodelt es – und genau an dieser Oberfläche stößt sich Simon Strauß. In seinem literarischen Debüt Sieben Nächte (2017) schreibt sich ein namenloser Ich-Erzähler, der ostentative Ähnlichkeiten mit seinem Autor aufweist, durch sieben rastlose Kapitel, in denen er nacheinander die sieben Todsünden durchexerziert, um sich gegen die Rausch-, Ekstase- und Emotionslosigkeit seiner Generation aufzulehnen. Dass sich der Rausch dabei doch sehr sanft vollzieht, sei hier nur am Rande erwähnt. Auf der Schwelle zum richtigen Erwachsenwerden (dem dreißigsten Lebensjahr) möchte der Erzähler noch einmal die Ketten sprengen, die unsere vermeintlich emotional sedierte und spaßfeindliche Gesellschaft ihm auferlegt hat – ein letztes Aufbäumen.

Die Rezeption dieses Kurzromans hat zwei Phasen durchlaufen: eine Phase überschäumender Zustimmung, in der sogar von einem ‚Generationenroman‘ (Florian Illies) die Rede war, und eine zweite Phase des Backlash, in der dem Autor rechtskonservatives und protofaschistisches Gedankengut vorgeworfen wurde – Strauß sei ein Türöffner für die rechte Szene. Wie diese Debatte im Detail ablief, soll hier nicht noch einmal nachgezeichnet werden; der Vorwurf speiste sich neben Zitaten in Strauß‘ Roman vorrangig aus einigen Artikeln für die FAZ. Ein zusätzliches Verdachtsmoment war nicht zuletzt eine Einladung des rechtspopulistischen Verlegers Götz Kubitschek in eine Gesprächsrunde, die von Strauß organisiert wurde.

Ostentative Kulturkritik, Einladung von rechten Verlegern, dazu noch die Reputation des Vaters Botho Strauß: So wurde das Bild des heimlich rechtskonservativen Jungautors komplett. Die Kontroverse begann mit einem suggestiven Artikel in der tageszeitung und eskalierte, als die Mitglieder der literarischen Gruppierung Rich Kids Of Literature auf Facebook verkündeten, sie müssten es deutlich sagen, „wenn jemand die Lust am Fabulieren instrumentalisiert, um der deutschen Literatur ein romantisches, Heimat-orientiertes, Militarismus-verherrlichendes, maskulines Gedankengut einzupflanzen, das in einer erschreckend ähnlichen Erscheinungsform vor nicht einmal siebzig Jahren den Holocaust mit möglich gemacht hat.“ Unversehens avancierte der Verfasser eines modernekritischen Romans zum Propheten eines drohenden neuen Holocausts.

Dass diese Debatte aus dem Ruder gelaufen ist, wird sehr schnell deutlich – Simon Strauß ist kein heimlicher Faschist und auch kein rechtspopulistischer Hetzer und bestimmt nicht verantwortlich für die Zustimmungswerte der AfD. Weit entfernt vom Text selbst, schoss die Debatte über ihr Ziel hinaus und vollzog sich schließlich nur noch in Rede und Gegenrede, Strauß‘ Roman war nur noch Vorwand zur Diskussion. Aber was steht eigentlich tatsächlich im Text, woran entzündete sich die Debatte und halten die Vorwürfe einer textnahen Analyse stand?

Sieben Nächte ist neben seiner Todsündenthematik ein gewollt sprachgewaltiges Manifest gegen einen bestimmten Teil der Generation Y – gegen Ernährungsbewusste, gegen Umweltschützer, gegen sogenannte Frauenversteher, gegen Emanzipation, gegen „[A]ll die radelnden Jungväter mit ihren Kindersitzen und Tragetaschen, die nur darauf warten, allen zu beweisen, wie gut und schnell sie wickeln können.“ (27f.) Was Strauß‘ Erzähler, der offenkundig für seinen Autor spricht, dagegen sucht, ist der sprichwörtliche echte Kerl. Seine Alters- und Generationsgenossen, die „sich ihre Hände in den Jackentaschen warm halten und doch nie zuschlagen würden, die schon Angst vor zu engen Boxershorts haben und nie wie Serge Gainsbourg sein wollten“ (28) verachtet er.

Das erscheint nun recht simpel gedacht. Die Verachtung gegenüber einer vermeintlichen Hypermoral ist keine besonders originelle kulturkritische Geste; sie findet sich etwa auch in der anti-achtundzechziger Haltung eines Benjamin von Stuckrad-Barre, mit dem Strauß mehr gemein hat, als ihm vielleicht lieb ist. Vor allem scheint diese Herablassung gegenüber verantwortungsbewussten jungen Männern, die lieber Fahrrad als Benzinschleudern fahren, sich ihrer Rolle als Vater bewusst sind und sich nicht prügeln wollen, ein Männlichkeitsbild der 1950er Jahre zu glorifizieren. Es handelt sich um eine Verachtung, die der Erzähler gegenüber einer in seinen Augen verweichlichten Gesellschaft äußert, und die sich immer wieder nur weiche Ziele sucht:

„Hinter mir steht auf einmal ein Mädchen. Dünn und zierlich, große Sonnenbrille. ‚Nur ein stilles Wasser, bitte!‘, ruft sie. Ihr Blick ist eingeübt, ihr Lächeln gekonnt. Nach achtzehn Uhr keine Kohlenhydrate mehr, erklärt sie, erst recht kein Bier oder Wein. […], Schauspiel hat sie in der Schule gelernt und jetzt schreibt sie Romane. […] Seitdem plagt sie eine Sehnenscheidenentzündung. Und doch versucht sie es jeden Morgen aufs Neue.“ (42f.)

 

Die Abneigung, die hier geäußert wird, vollzieht sich an einem derartig offensichtlichen Klischee, dass sie selbst wieder genauso lächerlich wird wie ihr Ziel – insbesondere wenn man sich bewusst macht, dass der Erzähler, während er dies schreibt, gerade Unmengen an Fleisch vertilgt, um die Sünde der Völlerei zu begehen. Im großzügigen Fleischverzehr manifestiert sich seine Auflehnung – denn wer Fleisch isst, sagt nicht „nesten“. Nesten, so würden junge Männer es nennen, wenn sie eine Familie gründen. Wenn der Erzähler/Autor diesen Begriff in unseren Großstädten tatsächlich vernommen hat und es sich nicht nur um einen Popanz handelt, dann wäre das tatsächlich keine schöne Entwicklung. Die Kritik daran ist dann aber wiederum genauso bieder und vorhersehbar:

„Hätte Gramsci so etwas vielleicht gesagt? Oder Hemingway? Oder irgendein anderer Fleischfresser? Nein, ‚»nesten« würde keiner sagen, der Fleisch gern hat. Das ist ein Wort für Klappradfahrer, Langbartträger und Mopsbesitzer. Fleischessen ist böse geworden. […] Wer es verachtet, der isst auf der richtigen Seite. Wer es aber salzt und pfeffert, der gilt als unverbesserlicher Reaktionär.“ (46f.)

Die Gleichung, die der Erzähler hier aufstellt, ist kurz gesagt diese: Echte Kerle essen Fleisch, wer ist ein echter Kerl: Hemingway. Wer hingegen nicht? Die Generationsgenossen des Autors. Er selbst gibt sich nicht dem sogenannten Mainstream hin, er isst Fleisch und nimmt in Kauf, ein ‚Reaktionär‘ genannt zu werden. Nun ist der Konsum von Fleisch tatsächlich kulturell nicht mehr so unbedenklich wie er einmal war. Aber die Anzahl der Burgerläden, der Steakhäuser und der Foodtrucks mit Pulled Pork und Pastramisandwiches, die gerade im Generations- und Bildungsumfeld des Autors sehr beliebt sind, spricht allenfalls für einen bewussteren Fleischkonsum, nicht aber für eine totale Ablehnung. Die aggressive ‚Maskulinität‘, die hier immer wieder hervorgeholt wird, wirkt mit der Zeit unangenehm und ein wenig peinlich. Sie gipfelt in der Aussage:

„Immer wenn ich an ein Früher denke, mir vorstelle, wie die Tage dort begonnen haben (nicht gleich mit einer Schusswunde vielleicht, aber wenigstens mit einer blutigen Nassrasur), mit welcher Zorneslust man die Zeitung aufschlug, den Kaffee hinunterschüttete und die Nachtbekanntschaft vom Sofa schmiss – wie man das Lieben liebte, in der Schwere zu Hause war.“ (91)

 

Strauß zitiert hier ohne Markierung den Titel des Prosabandes von Wolf Wondratschek Früher begann der Tag mit einer Schusswunde (1969) und holt mit der deutschen Variante – oder Kopie – von Hunter S. Thompson noch einen weiteren literarischen Gewährsmann ins Boot, denn auch der boxende und draufgängerische Schriftsteller Wondratschek hält bis heute die Fahne der Männlichkeit in die Höhe. Das Bild des Mannes, der sich morgens nass rasiert, das Blut vermutlich lässig wegwischt und „die Nachtbekanntschaft vom Sofa“ wirft und sich dann dem harten Leben stellt, ist stark verankert in einem implizit sexistischen und unangenehmen Klischee von Männlichkeit, hinter der sich eine gebrochene Figur versteckt, sodass man sofort den mad man Don Draper vor sich sieht.

Neben diesem beinahe verzweifelten Kampf um mehr Männlichkeit ist zudem die Sehnsucht nach einem vermeintlich einfacheren Weltbild auffällig. Die gegenwärtige Suche nach einer moralischen und gesellschaftlichen Harmonie zwischen den Geschlechtern, den Eingesessenen und Zugezogenen, kurz zwischen den Mehrheiten und den Minderheiten mag ihre Tücken haben, sie ist kompliziert, sie erfordert Diskussionen und Kompromisse – wie schön erscheint da die Zeit des Schwarz und Weiß. Simon Strauß – glaubt man seinem Debütroman – hätte diese Aufteilung gerne wieder, er will, dass der Staub sich wieder auf uns legt und findet dafür literarische Bilder:

„Ich wechsle vom Sofa zum Sessel. Schalte den alten, mürrischen Fernseher an. Er ist verbittert darüber, ein Has-been geworden zu sein. Früher scharrten sich die Menschen gemeinsam um ihn, galt er als großes Versprechen auf die Wunder der Welt. Nach ihm richtete sich die gesamte Inneneinrichtung, wurden Tische gerückt und Stühle verschoben. Regale von der Wand geholt, Teppiche verlegt. Heute trägt jeder die Weltwunder in der Jackentasche. Schaut die spannendsten Filme, die wichtigsten Endspiele auf klitzekleinen Bildschirmen. Ich halte dagegen. Drücke den staubigen Knopf und blase noch einmal ins verglühte Lagerfeuer.“ (60)

 

Strauß spricht diese Sehnsucht nicht direkt aus, vielmehr steht der „alte, mürrische[n] Fernseher“ als Metapher für eine bestimmte Zeit und die damit verbundene Weltanschauung. Kaum ein Symbol verbindet sich in Deutschland so sehr mit der Zeit der alten Bonner Republik wie das lagerfeuerhafte Fernsehgerät in deutschen Wohnzimmern. Die alte BRD mag eingekesselt gewesen sein zwischen dem großen Verbündeten im Westen und dem drohenden Feind im Osten, die Klarheit der Verhältnisse aber muss aus heutiger Sicht beruhigend wirken; dem können auch die 68er und die bleierne Zeit des RAF-Terrors nichts anhaben: Die idyllische Schrankwand mit dem familiären Röhrenfernseher überstrahlt alles. Dieses Bild hat das deutsche Feuilleton in den letzten Jahren wiederholt aufgerufen, wenn es darum ging, dass das sogenannte Lagerfeuer der Familie, die große Samstagabendshow, erlischt – mit Wetten dass?  ist das letzte Scheit verglüht.

Nostalgische Sehnsucht nach einer einfacher strukturierten Zeit ist derzeit en vogue. Dafür spricht eine weit verbreitete Sehnsucht nach dem Echten und Unverfälschten: das Einkaufen auf dem Markt, Bier aus kleinen Brauereien, die sorgfältige Auswahl der Kaffeesorte, der sogenannte used-look, die Polaroidästhetik auf Instagram – all das ist Ausdruck einer Sehnsucht nach dem vermeintlich Echten in einer überdigitalisierten Welt und darin wäre sich Simon Strauß mit seiner so sehr verachteten eigenen Generation bestimmt einig. Diese Nostalgie ist nicht das Problem, aber sie ist auch nicht das, was ihn in Sichtweite der rechtskonservativen Strömungen bringt. In Sieben Nächte finden sich allerdings immer wieder Anspielungen auf eine angeblich überbordende, tyrannische political correctness: genau die Zustände, die aus AfD- und Pegida-Kreisen angegriffen werden:

„Vor lauter Sorgfalt, auch ja die richtige Anrede zu wählen, eine ‚gerechte‘ und ‚leichte‘ Sprache zu sprechen, merken wir nicht, dass wir dem Eigentlichen ausweichen. Wenn vor wenigen Jahrzehnten noch mit dem Verweis auf die ‚Klassenverhältnisse‘ jeder Disput gewonnen werden konnte, reicht mittlerweile die ‚Geschlechterfrage‘, um alle auf seine Seite zu bringen. Überall identifizieren wir uns mit den Diskriminierten, fühlen uns aus Solidarität selbst diskriminiert und warten auf Wiedergutmachung durch ein Gesetz.“ (31)

 

Das klingt dann doch verdächtig nach Kritik an der Sprache, die vorsichtig genug ist, jeden zu meinen, abzuwägen und Graustufen sichtbar zu machen. Die Floskel „Das-wird-man-wohl-noch-sagen-dürfen“ schwingt hier im Hintergrund mit. Nichts von dem, was Strauß hier schreibt, ist per se verfänglich, aber Literatur steht immer auch im Kontext ihrer Zeit und hier werden Schlagworte aufgerufen, die durch gegenwärtige Diskurse ihre an sich unverfängliche Bedeutung verloren haben. Die Begriffe ‚gerechte‘ Sprache, die ‚Geschlechterfrage‘ und die Diskriminierten sind ohne die aktuelle Debatte über gendergerechte Sprache und die Gleichberechtigung von Minderheiten nicht lesbar. Deutlich wird dies auch in folgendem Abschnitt, in dem sich der Erzähler an früher erinnert, wo man noch nicht gefragt habe „ob man immer noch von Studierenden sprechen sollte, nachdem sie mit einem Flugzeug abgestürzt sind oder ob das dann nicht doch eher Studenten waren.“ (88) Im Kontext aktueller Debatten wirken Sätze wie dieser wie reines Provokationsmaterial. Strauß muss als Feuilletonist und kulturell gebildeter Autor wissen, wie solche Äußerungen in gegenwärtigen Diskursen aufgenommen werden.

Damit bewegt sich Strauß in der Tradition anti-moderner Kulturkritik und ist dabei nur sprachlich geschickter und nicht so radikal. Er argumentiert nicht platt für mehr Orientierung nach dem Gefühl statt nach Zahlen und Ratio wie es in Kreisen der AfD geschieht:

„Ich werde Akademien gründen, an denen Gefühle erforscht werden, nicht Theorien. Wo das Herz nicht auf dem Mensatablett liegen bleibt, sondern man sich brüsten kann mit dem Wissen um den alten Geheimweg, der die Vernunft mit der Empfindung verbindet. Dieses eine Mal dürfte das Gefühl sich behaupten, müsste nicht, von allen Rationalisten belächelt, gedemütigt zum Nachhilfeunterricht schleichen, nur weil es wieder nicht verstanden hat, was die großen Theoretiker über die Liebe geschrieben haben. […] Ein Ort, an dem man lernt, Feuer zu machen, nicht nur die Löschdecke zusammenzufalten.“ (33)

 

Dieses Ausspielen der Vernunft gegen die Gefühle reicht nahe an das, was aus den Reihen der AfD und von Pegidademonstranten geäußert wird – was nutzen einem Statistiken, wenn man das halt so fühlt? Eine Sehnsucht nach Emotionen – warum nicht? Problematisch ist der bewusste Kontrast von Gefühl und Ratio. Mehr Emotionen, mehr Ekstase, mehr Pathos sind keine verwerflichen Ziele, verwerflich ist ihr Einsatz in bestimmten Bereichen und bei bestimmten Fragen. Ein gutes Beispiel dafür, wie Strauß‘ im Kontext seiner Zeit funktioniert, zeigt der Satz: „Ein Ort, an dem man lernt, Feuer zu machen, nicht nur die Löschdecke zusammenzufalten.“ Der Aufruf dazu nicht nur zu beschwichtigen, sondern auch zu streiten, den man hier interpretieren kann, ist moralisch nicht angreifbar, Streit macht Debatten und damit Demokratie aus. Problematisch wird der Satz erst im Gesamtblick auf den Roman. Gleichzeitig ruft er durch seine metaphorische Kraft Konnotation zu den Begriffen Brandrede und verbale Brandstiftung auf.

Die vorigen Abschnitte mögen den Eindruck erwecken, Simon Strauß marschiere doch – wie einige es ihm vorwerfen – in den Reihen Pegidas und der AfD mit, dem ist nicht so, das sei hier deutlich gesagt. Er ist kein verkappter Gauland und erst recht kein hetzerischer Redenschwinger wie Björn Höcke. Dennoch spielt Strauß mit dubiosen Bildern und Sehnsüchten, er verpackt sie vorsichtiger, er drückt sie differenzierter aus und ist mit Sicherheit toleranter als diejenigen, mit denen er in eine Kiste gepackt wurde, aber durch seine Worte schimmert etwas durch, für das auch diejenigen anfällig sind, die sich nie mit dem Rechtspopulismus gemein machen würden: Sehnsucht nach Stärke und Männlichkeit, nach Klarheit, nach Gut und Böse, nach Schwarz und Weiß, nach einer Zeit, als man noch nicht vorsichtig sein musste. Ein bisschen spielt auch die Bildungshuberei, die Strauß hier durchzieht, in dieses Bild mit hinein: die lateinischen Bezeichnungen für die Todsünden, die Mephistofigur, die den Erzähler anstiftet, die ständigen unmarkierten Zitate aus dem deutschen Bildungskanon, in diesem Fall Gottfried Benn:

„Bin durch viele Formen geschritten und habe Kinderfragen gestellt. Habe nach Sinn und Sagbarem gesucht und Umrisse in den Sand gezeichnet. Gegen die Leere. Damit etwas bleibt.“ (128)

 

All das ist auch ein Anschreiben gegen das vermeintliche Unwissen. Mit denen, die die Anspielungen erkennen, geht Strauß eine ungeschriebene Übereinstimmung ein: Wir sind die Gebildeten und meint damit eine humanistische Bildung alter Schule. Dadurch spricht die Haltung, die der Roman vermittelt, vor allem eine gebildete Schicht an, die zwar nie auf die Idee kommen würde, die AfD zu wählen, die aber eine Diskussion über Geschlechterfragen übertrieben, die Suche nach einer gerechten Sprache hypermoralisch und die Weltlage insgesamt zu kompliziert findet.

Abschließend gesagt sei: gegen die übermäßige Digitalisierung, gegen eine Moral, die manchmal ins Lächerliche kippt, gegen das Zaghafte, gegen den lähmenden Konsens, kurz, gegen so vieles unserer Zeit, gegen all das kann man sein, es ist nur eine Frage, was man dagegenstellt. Das Männlichkeitsbild, das Strauß ziemlich schamlos propagiert, ist so klischeebeladen und gewollt, dass man sich beinahe fragen muss, ob er das ernst meint. Da Strauß wiederholt betont hat, dass er die Ironie hinter sich lassen will, muss man befürchten, dass er das genauso meint. Was hier fehlt, ist aber vorrangig nicht Ironie sondern Selbstreflektion. Kaum ein Mann aus Strauß‘ Generation wird sich dem maskulinen Charme eines Männlichkeitsbildes aus den 60er Jahren im Stile eines Serge Gainsbourg – um bei dem Beispiel von Strauß zu bleiben –ganz erwehren können – das Wichtige ist aber die Selbstreflektion, das Bewusstsein, warum es gut ist, dass diese Form der Männlichkeit veraltet ist und nur noch in alten Filmen auftaucht, warum es gut ist, dass wir diskutieren, statt unsere Meinung herauszubrüllen, dass wir Kompromisse suchen, dass wir bewusst leben und vorsichtig geworden sind im Umgang mit allen Menschen, mit der Umwelt, kurz mit uns allen. Das dürfte auch Simon Strauß in all seiner Sehnsucht nach mehr Emotionen, nach mehr Rausch und mehr Authentizität klar sein. Der Reiz aktuelle Debatten von der antimodernen Seite aus zu befeuern scheint aber größer gewesen zu sein, wie sich im Roman zeigt. Um das zu erkennen, braucht es keine FAZ-Artikel oder missverständliche Einladungen rechtspopulistischer Verleger, die Literatur genügt.

 

 

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