War das jetzt „gar alles“? Hoffentlich!

(von Simon Sahner)

Wie soll man sich einem neuen Roman von Martin Walser nähern? Dem – zählt man allein die belletristischen Prosawerke – 61. Text (von Roman möchte ich hier noch nicht reden). Was kommt dabei heraus, wenn ein 91jähriger Mann ein Büchlein herausbringt, 107 Seiten kurz, auf dem Titel steht Roman und es heißt Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte? Es könnte eine kleine Erzählung sein, unspektakulär, aber schön zu lesen. Könnte es, aber nach den letzten 20 Jahren mit Martin Walser ist das eher unwahrscheinlich. Eigentlich dachte man schon letztes Jahr mit Statt etwas oder der letzte Rank, das mit 165 Seiten auch nur mäßig länger war, hätte Walser seinen letzten Roman vorgelegt – es roch danach, der Titel klang danach.

Und jetzt?

Jetzt das. Gar alles umschleicht von der ersten Seite an das Gefühl eines Schriftstellers, der den Punkt zum Absprung verpasst hat, der nicht verstanden hat, wann es genug war, wann man es vielleicht gut sein lassen sollte. Wie lang sollte ein Alterswerk sein? Walser ist wie gesagt 91 Jahre alt, seit seinem ersten Roman Ehen in Philippsburg sind sage und schreibe 61 Jahre vergangen und vermutlich findet man schon in einer Rezension zu Tod eines Kritikers von 2002 das Wort Alterswerk. Er mag in seiner literarischen Entwicklung irgendwann stehengeblieben sein, aber man kommt nicht umhin zu sagen, Martin Walser ist eine der großen Figuren der deutschen Literatur seit 1945 – nach Grass‘ Tod vielleicht zusammen mit Enzensberger so etwas wie the last man standing.

Aber nun zu Gar alles.

Die Handlung – wenn man von solch einer reden mag – ist schnell erklärt. Der sich selbst als solcher bezeichnende Roman ist eine Art Briefroman als Blog. Er besteht aus Blogeinträgen eines älteren Mannes (das genaue Alter bleibt unbekannt), der sich selbst Justus Mall nennt – vermutlich heißt er anders. Dieser Justus Mall ist ein ehemaliger Oberregierungsrat im bayrischen Justizministerium, der sich nun im erzwungenen Ruhestand selbst Philosoph nennt und sich in einer Art Ménage à trois zwischen zwei Frauen wieder findet. Durch Briefe, die er in einem Blog hinaus ins Unbekannte schickt, ist er auf der Suche nach einer unbekannten Frau, die ihn so akzeptiert, wie er ist und die ihn nicht zwingen würde, sich zu entscheiden. Dazu muss er ihr gar alles mitteilen. Früh drängt sich die Frage auf, warum ein Blog, warum wählt jemand wie Martin Walser, der nun nicht dafür bekannt ist, in den letzten 20 Jahren mit den Entwicklungen der Technik und der Kultur vorne mitgeschwommen zu sein, warum wählt der die Form eines Blogs? Er schreibt darüber auch direkt etwas seltsam, nennt es sein „Blog-Unternehmen“, das gelegentliche Erwähnen des Wortes „Blog“ bleibt auch das einzige, was an das Schreiben im Internet erinnert. Schließlich ist die Form dem Inhalt geschuldet – die Briefe gehen hinaus an eine Unbekannte, von der der Erzähler hofft, sie möge sich melden, da ergibt der Blog dann Sinn. Aber es wirkt seltsam, dass Walser diese Art der Kommunikation wählt, was auch damit zusammenhängt, dass er offensichtlich von moderner Kommunikationstechnik keine Ahnung hat: So zitiert er zweimal eine SMS, die bei ihm „eingegangen“ sei – die zitierte SMS ist jeweils eine halbe bis anderthalb Seiten lang… Auch geht er mit seinem „Handy“ in eine „Apple-Filiale“, um es reparieren zu lassen, was innerhalb kürzester Zeit geschieht. Kurz gesagt, es wirkt als habe Walser von all dem irgendwo einmal gehört, habe aber an sich keine Ahnung, was eine SMS und eine „Apple-Filiale“ ist. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn er es nicht in seinem Roman erwähnen würde und auch der/die Lektor*in ihn offenbar nicht darauf hingewiesen hätte.

Aber was schreibt dieser Justus Mall eigentlich?

Von der ersten Seite an wird man das Gefühl nicht los, dass es sich bei den Blogeinträgen an die Unbekannte um Texte handelt, die Walser noch irgendwo herumliegen hatte und die er zu dem vorliegenden Buch zusammengeschustert hat. Justus Mall, der sich inzwischen selbst als Philosoph sieht, gibt immer wieder Sentenzen à la: „Aber weil ich Philosoph bin, darf ich schreiben: Die Wirklichkeit ist ein Gespinst aus erfundenen Fäden.“ von sich, überhaupt ist hier vieles ein Nachdenken über sich selbst in Aphorismen. Besonders deutlich wird das, wenn Mall seiner Unbekannten „eine Choix aus meinem Wörtergarten“ präsentiert und über fünf Seiten tatsächlich nur mehr oder weniger aussagekräftige Phrasen aneinanderreiht. Fast als hätte man am Ende bemerkt, dass der Roman noch nicht lang genug sei.

Man kann vielleicht dahinter den echten Walser sehen – ein alter Mann auf der Suche nach dem, was er noch ist (und nach dem, was er noch herumliegen hat).

Sein Erzähler Justus Mall jedenfalls ist auf der Suche nach einer Frau. Er berichtet ihr von seinen vergangenen Liebschaften, seiner Ehe, von Frauen, die er trifft, die er liebt, die er erotisch findet, die er verabscheut – er schreibt vorrangig über Frauen. Und da kommt sie auch gleich um die Ecke, die #metoo-Debatte. Und Martin Walser drischt mit voller Kraft darauf ein. Mall hat seine Stelle als Oberregierungsrat verloren, weil er eine junge Frau – eine Journalistin – in der Oper ungefragt am Oberschenkel angefasst hat und sie darüber geschrieben hat. Dass er ihr nicht noch seine Tanzkarte angeboten hat, ist alles. Es bricht ein Skandal los und er muss seinen Posten räumen. Man merkt dem Erzähler an, dass er nicht so recht versteht, warum das alles so schlimm ist und er reagiert ebenso wie Rainer Brüderle seinerzeit mit Unverständnis über diese seltsamen neuen Zeiten, in der Mann nicht mehr Mann sein darf – vor allem, wenn „er sich andauernd verführt fühle“ von all den Brüsten und Beinen, die ihm überall entgegengereckt werden.

Es ist an diesen Stellen schwierig, nicht Walser an seinem Schreibtisch zu sehen, wie er irgendwie noch etwas zu dieser #metoo-Debatte sagen will, die er nicht so ganz versteht, dem die ganze Hysterie zu viel ist und der jetzt doch mal sagen muss, dass das früher alles einfacher war. Man mag sich nicht einmal darüber aufregen, weil es so offensichtlich erscheint. Das gilt in stärkerem Maße auch für das kurze Kapitel, in dem er seinen Erzähler seine Begeisterung für Donald Trump ausdrücken lässt: „Er hat weniger gelogen als je ein Kandidat vor ihm. Ich wusste woran ich bei ihm bin. Und das ist so geblieben.“ Dieses Kapitel wirkt fehl am Platz, es wäre nicht nötig gewesen, es ist wie ein Achja, ich provozier mal noch ein bisschen. Es fügt der Figur des Justus Mall nichts hinzu, sie wäre schon vorher vollständig gewesen. Hier wünscht man sich dann sehr, dass Walser sich über seine eigene Figur lustig macht. Allein, man weiß es nicht, man weiß nicht, was man dem alten Mann vom Bodensee inzwischen zutrauen kann oder nicht. Diese Lust an der Provokation durchzieht das ganze Buch, wenn er beispielsweise auf drei Seiten zehn bis fünfzehn Mal von einer Frau als „die trockene Scheide“ spricht – diese zwei Worte, wiederholt mit einer Penetranz, dass man den Autor fast sehen kann, wie er mit diebischer Freude noch einmal „trockene Scheide“ schreibt.

Zu all dem hinzu kommt auch noch, dass Gar alles keine Handlung hat, da sind ein paar Anekdoten aus Justus Malls Leben, die sich ganz interessant lesen, aber insgesamt passiert da nichts.

Und dann sitzt man nach knappen zwei Stunden Lesezeit da und fragt sich, ob das jetzt gar alles war oder ob da doch noch was kommt. Es wirkt, wie gesagt, als habe Walser alles an Texten zusammengesucht, was er noch herumliegen hatte, und habe sie dann in der Form eines Briefromans zusammengelötet und man wünscht sich, dass es so wäre. Ich gebe zu, von Walser nie viel gehalten zu haben, zu prätentiös, zu gewollt, zu verschwurbelt, zu schmierig, aber das ein oder andere gute Werk war doch auch für mich darunter. Aber jetzt wirkt es so, als würde er einfach weiterschreiben, weil die Hand eben weiterschreibt, nicht weil er noch was zu sagen hätte.

(Martin Walser – Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte, Rowohl 2018, 18€)

 

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