Aussage gegen Aussage – ein Roman als moralisches Dilemma

Bettina Wilpert erzählt in nichts, was uns passiert, erschienen im Verbrecher Verlag, davon, was passiert, wenn eine Vergewaltigung in einem Umfeld und unter Menschen geschieht, die eine solche Gewalttat nie erwartet hätten. Ein Debüt, an dem es kaum etwas zu kritisieren gibt.

(Simon Sahner)

Es war in dieser Gesellschaft schlimmer, ein Vergewaltiger als ein Mörder zu sein. Nur Pädophile waren noch schlimmer.“

Irgendwann in Bettina Wilperts Debütroman nichts, was uns passiert fällt dieser Satz und man hält beim Lesen kurz inne und fragt sich, ob das stimmt. Zu diesem Zeitpunkt hat man bereits häufiger innegehalten und über das Gelesene nachgedacht, Wilpert hat einen Roman zum Nachdenken geschrieben. Aber der Reihe nach.

Sommer 2014, Fußball-WM, Leipzig, geisteswissenschaftliches Student*innenmilieu. Im Sommer 2014 lernt Anna den Doktoranden Jonas kennen, sie ziehen nachts um die Häuser, reden, betrinken sich und schlafen einmal miteinander. Das studentische Milieu, das Wilpert im Verlauf der ersten Kapitel zeichnet, ist auf beinahe erschreckende Weise exakt. Die Tage im Hochsommer 2014, zwischen Bibliothek, Seminarräumen, Abenden am See und bei Spielen der Fußball-WM werden vermutlich tausende Student*innen damals genauso erlebt haben. Auch das latent linke, geisteswissenschaftliche Umfeld der Endzwanziger in einer mittelgroßen Universitätsstadt, in dem sich das alles abspielt, kann man nur so darstellen, wenn man es genau kennt – das tut Bettina Wilpert (*1989) offensichtlich. Als jemand, der selbst seit Jahren in diesen Kreisen lebt, wird man sofort in die Erzählung hineingezogen – kurz, man erkennt alles wieder und damit ist der Boden für die Verunsicherung, die diese Geschichte erzeugt, bereitet. Auf der Party ihres besten Freundes Hannes, die in Jonas‘ Garten stattfindet, stürzen Anna und Jonas scheinbar klassisch miteinander ab. Anna ist irgendwann extrem betrunken, Jonas vermutlich auch und am nächsten Morgen ist Anna aus Jonas Wohnung verschwunden. Die Frage, die sich nun stellt: Was ist passiert? Für Anna ist klar, Jonas hat ihre Trunkenheit und dadurch bedingte Wehrlosigkeit ausgenutzt und sie vergewaltigt. Für Jonas ist ebenso klar, der Sex war einvernehmlich, beide waren betrunken, aber er habe schließlich noch gefragt, ob er ein Kondom holen solle. Es steht Aussage gegen Aussage.

Wilpert hat für ihren Roman eine ungemein geschickte Erzählperspektive gewählt. Die Erzählung ist das Ergebnis einer Recherche der Erzähler*in (das Geschlecht bleibt unklar), die/der nur wiedergibt, was andere erzählt haben (Anna, Jonas, Anna bester und Jonas guter Freund Hannes, Annas Schwester Daria, Annas Mitbewohnerin Verena, Jonas Eltern, Annas Anwältin und viele andere). Nur sehr selten schleicht sich das erzählende Ich kurz in die Wiedergabe dieser Aussage ein, sonst bezieht die erzählende Instanz nie Stellung und gibt nur die unterschiedlichen Perspektiven wieder. Geschickt ist diese Perspektive aus zwei Gründen. Die Geschichte, die hier aus unzähligen Sichtweisen erzählt wird, strotzt vor Realismus (sogar das Wetter am Abend des WM-Halbfinales Deutschland gegen Brasilien stimmt) und erscheint so „echt“, dass man sich unweigerlich fragt, ob das genauso passiert ist und Bettina Wilpert tatsächlich protokolliert, was andere ihr erzählt haben. Aber es ist ein Roman, so steht es auf dem Cover und demnach gilt erstmal das Fiktionsgebot. Und damit begibt sich Wilpert in eine schwierige Situation. Die Gefahr, die für die Autorin entsteht, entsteht immer, wenn von Opfern berichtet wird, denn wer hat das Recht, sich in den Kopf eines Opfers zu versetzen und zu behaupten „So fühlt man sich dann.“? Man eignet sich in diesem Fall ein Leiden an und stellt es dar. Gerade in diesem Fall ist das besonders heikel, weil Anna nicht einfach leidet. Sie ist sich unsicher, ob sie vergewaltigt wurde, kommt schließlich zu dem Schluss, dass es so war. Sie hadert damit, Jonas anzuzeigen, tut es dann doch. Sie bricht innerlich zusammen und hat wahllos Sex mit Fremden, sie schreibt Jonas SMS, sie grüßt ihn einige Monate später und fühlt auf einmal eine alte, seltsame Vertrautheit wie vor dem schicksalhaften Abend und so weiter. Wilpert traut sich, das alles so darzustellen und zeigt Anna als ein Opfer, das eben nicht perfekt in die Opferrolle passt. Das Risiko lohnt sich, Anna wirkt glaubwürdig. Das liegt aber auch daran, dass man immer die Frage im Hinterkopf hat, ob das alles vielleicht faktual ist. Wäre es das, dann wäre die Autorin aus dem sprichwörtlichen Schneider, sie würde nur wiedergeben, was ihr erzählt wurde, für die Realität ist sie nicht verantwortlich, für die Fiktion schon.

Der zweite Grund, warum die Erzählweise geschickt gewählt ist, ist vor allem, dass somit alle Aussagen gleichberechtigt nebeneinander stehen, niemand hat hier die Deutungshoheit und damit stürzt Wilpert die/den Leser*in ein moralisches Dilemma. Sowohl Anna als auch Jonas sind so normal wie man nur sein kann, jedes Gespräch, das sie miteinander führen, werden Student*innen aus einem ähnlichen Milieu kennen. Jonas ist der klassische geisteswissenschaftliche Doktorand, er promoviert über ukrainische Gegenwartsliteratur, weist im Gespräch mit Anna besserwissend darauf hin, dass die neue Übersetzung der Dostojewski-Werke besser sei, er verbringt seine Tage in der Bibliothek, in der Mensa und in Kneipen, beschwert sich über die Einführungsseminare, die er geben muss und ist gerade von seiner Freundin verlassen worden. Anna hat Translationswissenschaften studiert, arbeitet in einer Kneipe, hat immer in WGs gewohnt, hat eine leicht radikal linke Einstellung, trinkt zu viel und handelt manchmal etwas impulsiv. Man kennt beide Typen in und auswendig. Und das ist das Problem, das sich auftut. Weder würde man Jonas zutrauen, dass er jemanden vergewaltigt, noch würde man Anna zutrauen, dass sie sich eine Vergewaltigung ausdenkt – beides erscheint völlig absurd. Und dennoch behauptet Anna, Jonas habe sie vergewaltigt und Jonas behauptet, der Sex sei einvernehmlich gewesen. Man weiß nicht, wem man glauben soll, denn beide Seiten erscheinen völlig nachvollziehbar. Genauso geht es auch dem Umfeld der beiden. Natürlich sind die meisten erst einmal auf Annas Seite, aber genauso wie der/dem Leser*in ist es ihnen auch unvorstellbar, dass Jonas das getan haben könnte.
Dieser Konflikt wird bis zum Schluss nicht aufgelöst, dies kann hier gesagt werden.

Abgesehen von diesem moralischen Dilemma, in das Wilpert einen stürzt, zeigt nichts, was uns passiert noch anderes. Die Frage, ob das der Roman zur #metoo-Debatte sei, kam schnell auf. Natürlich liegt die Thematik nahe, aber dennoch würde ich diese Frage mit „Nein“ beantworten. Auch wenn man diesen Bericht nicht lesen kann, ohne diese Diskussion immer im Hinterkopf zu haben, geht es hier um etwas anderes. Es geht darum, wie leicht eine Situation kippen kann, wie unsicher wir (das beschriebene Milieu) im Umgang miteinander sind, wie das Lebensgefühl, das wir leben, uns beeinflusst und wie ein Milieu, das sich selbst als feministisch, postpatriarchal, links und liberal sieht, mit einer Situation umgeht, in der all das in Frage gestellt wird. Und es geht darum, dass eine Vergewaltigung eben nicht (nur) der nächtliche Überfall auf eine wehrlose junge Frau durch einen perversen älteren Mann ist, sondern dass sexuelle Gewalt früher anfängt und durch einen Menschen begangen werden kann, von dem das nie jemand erwartet hätte, vielleicht sogar – und ja das ist dünnes Eis – durch jemanden, dem gar nicht bewusst war, was er da getan hat. Wir wissen am Ende nicht, was in dieser Nacht geschehen ist, wir haben nur die Aussagen der beiden Beteiligten und die Einschätzungen von außen. Die Autorin stellt hervorragend dar, wie unsicher das Umfeld im Umgang mit all dem ist. Hannes, der nicht weiß, wem er glauben soll. Annas Schwester Daria, die vor Wut auf Jonas fast platzt. Verena, die nachdem Anna mit mehreren Männern Sex hatte, die Vermutung anstellt, jemand, der vergewaltigt wurde, verhalte sich doch nicht so. Jonas‘ linkspolitisches Umfeld, das ihm Hausverbot erteilt und für Anna eine Hilfsgruppe einrichtet. Anna, die selbst gar nicht will, dass Jonas verurteilt wird, nur dass er sich entschuldigt und die völlig überfordert davon ist, dass alle ihr helfen wollen. Jonas auch, dessen Leben in Leipzig zerstört ist und der felsenfest behauptet, nichts Verwerfliches getan zu haben. All das ist erschreckend, weil man als „Mitglied“ dieser Generation, dieses Milieus feststellt, dass exakt all das im eigenen Freundeskreis so passieren und ablaufen könnte, das ist vielleicht die größte Leistung des Romans.

Kurz gesagt, Bettina Wilpert hat einen sprachlich schlichten, protokollhaften Roman geschrieben, der durch eine exakte Milieustudie darstellt, dass sexuelle Gewalt überall begangen werden kann und wie schwierig es gerade in dem dargestellten Umfeld ist, damit umzugehen, weil es die Grenzen dessen berührt, dem wir uns sicher waren und unseren moralischen Kompass in Frage stellt. Eine erhellende und gleichzeitig verunsichernde Lektüre.

(Verbrecher Verlag 2018)

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