Männer – das schwache Geschlecht?

All that man is / Alles, was ein Mann ist von David Szalay (Rezension von Simon Sahner)

Es mag wie ein Affront klingen diese Rezension mit der Person Franz-Josef Wagner zu beginnen, aber man gestatte mir diese Abzweigung in die Niederungen der Kultur, es wird deutlich werden, warum sie hier passt. Franz-Josef Wagner hat das unverschämte Glück jeden Tag vierzig Zeilen für die BILD schreiben zu dürfen und dafür vermutlich einen Haufen Geld zu bekommen. Vor knapp zwei Wochen – die deutsche Eishockeymannschaft errang gerade überraschende Erfolge bei Olympia – schrieb Wagner in seiner Kolumne Post von Wagner über die harten Eishockeymänner, die doch im Gegensatz zu den parfümierten Kunstliebhabern noch echte Kerle seien: Ein Mann ist nur, wer sich mit anderen Männern um was auch immer prügelt und auch vor einem ausgeschlagenen Zahn keine Angst hat. So weit, so archaisch.

Gerade in Zeiten, in denen das männliche Geschlecht im durchaus berechtigten Kreuzfeuer der Kritik steht, fühlen sich einige Männer bemüßigt, auch ihre Gedanken zum Thema Maskulinität, Männlichkeit und Virilität kundzutun und verbieten kann man das leider auch Franz-Josef Wagner nicht. Glücklicherweise geht es auch anders! Etwa zwei Jahre zuvor hat sich auch der britische Schriftsteller David Szalay Gedanken zu diesem Thema gemacht, herausgekommen ist der Stationenroman All that man is, der im Jahr 2016 für den renommierten Man Booker Preis nominiert war und jetzt auf Deutsch erscheint.

Alles, was ein Mann ist (so auch der Titel der deutschen Übersetzung), im Titel dieses Romans steckt schon selbst eine implizite Frage: Was ist ein Mann? Was macht einen Mann aus? Gibt es überhaupt das, was einen Mann ausmacht? Kann man in Zeiten der Dekonstruktion des sozialen Geschlechts überhaupt von dem Mann sprechen? Es zeigt sich, man kann. Szalay erkundet in neun etwa gleich langen Erzählungen, die auf der Oberfläche nicht miteinander zusammenhängen, Lebenserfahrungen, die wir in unserem europäischen Kulturkreis als genuin männlich beschreiben könnten. Weit entfernt von den Männlichkeitsklischees eines anderweitig gescheiterten BILD-Kolumnisten seziert der Autor das Leben von Männern. Angefangen vom 17jährigen Simon, der mit einem Freund auf Europatour ist, bis hin zum 73jährigen Tony, der sich mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert sieht, arbeitet sich Szalay durch verschiedene Stationen eines männlichen Lebens.

Aber was ist ein männliches Leben? Der 25jährige ungebildete Franzose Bernard reist widererwartend allein in ein billiges Hotel auf Zypern, streunt einsam durch die trostlose Touristenstadt und lernt eine hübsche Frau kennen, die ihn versetzt. In seiner Enttäuschung und auf der Suche nach Gesellschaft schließt er sich einer englischen Frau und ihrer Tochter an. In seiner Einsamkeit und der Trostlosigkeit des Ortes findet er auf einmal Gefallen an einer Frau, deren Aussehen so gar nicht seinem Ideal entspricht. Ein englischer Immobilienmakler Mitte 40 findet sich auf einer Geschäftsreise in die französischen Alpen wieder, wo er versucht stillose Ferienwohnungen an neureiche Asiaten und Europäer zu verkaufen und sich zur jungen Assistentin seines Auftraggebers hingezogen fühlt. Ein weiterer Mann, dieser Mitte 50, lebt nachdem er seinen Job verloren hat, in einem Dorf in Kroatien – ein einsamer, am Leben gescheiterter Mann, der irgendwo versucht hat, noch Glück zu finden und sich zwischen anderen Gescheiterten in osteuropäischen Kneipen wiederfindet.

Alle Männer dieser und der anderen Episoden stehen an einem bestimmten Punkt in ihrem Leben, bestimmte Fragen kommen auf, bestimmte Probleme stellen sich, immer ist das Verhältnis zur Umwelt und zum anderen (und eigenen) Geschlecht ein Thema. Deutlich wird vor allem, dass alle diese Männer mit dem Bild von Männlichkeit hadern, das sie erfüllen wollen und/oder müssen. Szalay zeigt den Mann zu Beginn des 21. Jahrhunderts als ein Wesen, das im 20. Jahrhundert weitestgehend uneingeschränkt die Machtposition innehatte und auf einmal mit dem Verlust dieser Stellung konfrontiert ist. Natürlich war die Diskrepanz zwischen dem patriarchalen Männlichkeitsideal und der Wirklichkeit schon immer vorhanden, aber vielleicht tritt sie erst jetzt deutlich hervor. Szalays Männer zweifeln an sich, an ihrer Rolle, an ihren Beziehungen, an ihrer Stellung, ja sie zweifeln sogar an ihren Wünschen und Sehnsüchten, weil sie manche davon in ihrem Selbstbild als Mann gar nicht haben dürften.

Das Panorama eines männlichen Lebens, das der Autor dabei entwirft changiert zwischen Trostlosigkeit und Melancholie und einem Hauch Hoffnung, würde sich das Leben eines einzelnen Mannes tatsächlich aus diesen Stationen zusammensetzen, es wäre ein trauriges. Dennoch, als männlicher Leser findet man sich in den Episoden wieder. Auch ohne sie spezifisch so erlebt zu haben, entdeckt man eine Verbundenheit zu diesen armen Gestalten – Szalay scheint einen Punkt zu treffen, der in einem ganz profanen Sinne männlich ist. Während Männer eigene Gedanken und Zweifel entdecken mögen, gewähren die Geschichten Leserinnen vielleicht Einblick in die inneren Kämpfe von Männern in der Gegenwart. Wichtig ist zu erwähnen, dass es hier immer nur um Männlichkeit in einer westlich-europäischen Kultur gehen kann. Ich wage hier keine Meinung zu äußern, inwiefern die Erfahrungen, die Szalay schildert für den Mann an sich, weltweit gelten mögen.

Szalays Sprache passt sich der beschriebenen Melancholie an, schmucklos aber nicht ohne Anteilnahme erzählt er aus einer meist personalen Perspektive und vermittelt dabei den Eindruck als würde er von oben in das Leben verschiedener Männer zoomen. Dadurch entsteht die Wahrnehmung man würde als Leser*in eine kurze Episode dieser Leben mitgehen, um dann weiterzuziehen. Dabei entwickeln die einzelnen Abschnitte einen sprachlichen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Allein die bedeutungsschwangere Schwere mancher Aussagen stört beizeiten, stehen die Erzählungen doch in ihrer Einfachheit und Klarheit sehr gut für sich und bedürfen nicht des philosophischen Ballasts, den Szalay manchmal einflicht. Anzumerken ist an dieser Stelle, dass die deutsche Übersetzung es nicht zu 100 Prozent schafft, die sprachliche Einfachheit und Wucht des englischen Originals ins Deutsche zu übertragen. Die Übersetzung wirkt oft freundlicher als Szalays Original, wodurch die Melancholie leicht verloren geht.

Gerade in Zeiten der Geschlechterdebatten, der #metoo-Bewegung und der beizeiten aufflammenden Gegenströmungen sind Szalays Männergeschichten in all ihrer Melancholie und Schwere wohltuend. Weder arbeiten sie sich an Klischees ab, noch stecken sie in überholten Bildern von Männlichkeit fest, vielmehr zeigen sie wie Männer jeden Alters mit den Herausforderungen umgehen, die ihnen eine Gesellschaft, die sich gewandelt hat und nach Gleichberechtigung strebt, stellt. Damit reiht sich Szalay ein in literarische Männlichkeitsdiskurse, die, wie auch Karl Ove Knausgård in seinen autobiographischen Romanen, nicht versuchen den Mann vor einer geschlechtergerechten Gesellschaft vermeintlich zu retten, sondern die vielmehr zeigen, wie Männer mit dieser Herausforderung ein modernes Bild von Männlichkeit jenseits Patriarchats zu finden, umgehen und dabei auch die Kämpfe mit den Hinterlassenschaften überholter Maskulinität nicht verschweigen.

Literatur, die nicht glücklich, aber nachdenklich macht und bereichert.

David Szalay – All that man is (dt. Alles, was ein Mann ist im Hanser-Verlag, 24 €)

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