„Textsortenerkennung, ihr blöden Wichser“ – Warum wir Germanisten brauchen

Wo also sind die Germanisten, die sich mit der Sprache der Lüge, mit dem Jargon der Populisten beschäftigen? Wo sind die Germanisten, die Stellung beziehen, die in den Medien gegen „völkische“ Parolen antreten?

(Martin Doerry, Spiegel 6/2017)

(von Simon Sahner)

Mit diesen Worten beschließt der Journalist Martin Doerry im Frühjahr 2017 seinen Artikel über den Untergang der Germanistik im Spiegel und stellt damit auch die fast schon traditionelle Frage nach dem allgemeinen Sinn und Zweck eines geisteswissenschaftlichen, insbesondere eines Germanistikstudiums. Was sollen und können wir Germanisten, die sich über Jahre mit der Literatur aus mehreren Jahrhunderten deutscher Kulturgeschichte, mit einzelnen Satzstellungen in den Erzählungen Kafkas, mit linguistischen Fragen, die uns manchmal selbst absurd vorkamen – was war nochmal die Benrather Linie? – und mit Minneliedern aus dem frühen Mittelalter beschäftigt haben, was können wir zu gesellschaftlichen, kulturellen und vielleicht sogar politischen Debatten beitragen?

Ein Thema über das man Bücher schreiben könnte und keine Sorge, irgendein Germanist wird es tun!

Aber nun zu einem konkreten Beispiel. Gestern, am 22. Februar 2018, gab es im Bundestag eine einstündige Debatte auf Anfrage der AfD zum Thema Verhalten der Bundesregierung im Fall Yücel, kurz es sollte darum gehen, dass die AfD die Befürchtung hegte, dass die Bundesregierung dem deutschen Journalisten Deniz Yücel eine Sonderbehandlung bei seiner Befreiung aus türkischer Haft zukommen ließ. Die Aufregung, dass ihnen eine Stunde ihrer Lebenszeit für eine derart lächerliche Fragestellung gestohlen würde, war unter Abgeordneten der anderen Parteien verständlicherweise groß. Doch daraus entspann sich eine Debatte, die nicht nur ein genüsslicher Anblick für alle Nicht-AfD-Anhänger war, sondern die auch demonstrierte, wie wichtig Fragen, mit denen sich die Germanistik beschäftigt, sein können.

Der AfD-Abgeordnete Dr. Gottfried Curio – der Doktortitel entstammt einem Mathematik- und Physikstudium, das sei hier angemerkt – zitierte in seinem eröffnenden Beitrag wiederholt aus einer Glosse, die Yücel unter dem Titel Super, Deutschland schafft sich ab! im August 2011 in der taz veröffentlichte. Darin karikiert Yücel genüsslich die Aussage des Buches Deutschland schafft sich ab von Thilo Sarrazin: „Der baldige Abgang der Deutschen aber ist Völkersterben von seiner schönsten Seite.“, zudem schlägt er vor, doch den Raum, der dann durch die Abschaffung Deutschlands frei wird, zwischen Polen und Frankreich aufzuteilen und kommt schließlich zu dem Schluss: „Etwas Besseres als Deutschland findet sich allemal.“ Die Aussage über Thilo Sarrazin, man könne nur wünschen „der nächste Schlaganfall möge sein Werk gründlicher verrichten.“, mag über das Ziel hinausgeschossen sein, die taz entschuldigte sich dafür aber auch und zahlte 20.000 Euro.

Was Dr. Curio nun tat, war ein Paradebeispiel für Unkenntnis (gewollt und oder ungewollt) von Textsorten. Wiederholt nahm er Yücels Glosse für bare Münze und warf dem Journalisten Deutschlandfeindlichkeit und Deutschenhass vor – kurz gesagt, wieso setzt sich die deutsche Bundesregierung für jemanden ein, der Deutschland offenbar so sehr verachte?

Völlig unabhängig davon, wie Deniz Yücel zu Deutschland steht, Curios Argumentation verfehlte ihr Ziel schon aus rein germanistischer Sicht um mehrere Meter. Der Text, auf den er sich ausschließlich bezieht ist eine sogenannte journalistische Glosse, Wikipedia informiert an dieser Stelle (ja, ich zitiere Wikipedia!):

[…] kurzer, pointierter Meinungsbeitrag, der sich von Kommentar und Leitartikel durch seinen polemischen, satirischen oder feuilletonistischen Charakter unterscheidet.“

Entscheidend sind hier zwei Dinge: der polemische und satirische Charakter dieser Textsorte und der betonte Unterschied zum Kommentar. Satirische Texte arbeiten per Definition mit Übertreibung und Ironie, sie überspitzen und zeugen oft von brachialer Wortwahl – Satire darf das (nicht nur moralisch, sondern – oh Wunder – sogar juristisch), weil sie erkennbar und bewusst über das Ziel hinausschießt, um dadurch beispielsweise auf die Lächerlichkeit des behandelten Themas hinzuweisen oder durch Provokation Fragen aufzuwerfen. In journalistischen Publikationen kann eine Glosse eben zu diesen satirischen Mitteln greifen. Das unterscheidet sie vom Kommentar, hier drückt der/die Verfasser*in seine/ihre persönliche Meinung in einem seriösen Beitrag aus, auch hier kann heftig kritisiert werden, jedoch ist Ironie und Übertreibung nicht angebracht, es handelt sich hierbei um einen seriösen Text.

Wenn man wie Curio – und er ist bei weitem nicht das einzige AfD-Mitglied, das diesen Text benutzt hat, um Yücel des Deutschenhasses zu überführen – nun mit Zitaten aus solchen Texten arbeitet, dann muss man in der Lage sein, den Text einzuordnen oder anders gesagt:

MAN MUSS WISSEN, WAS TEXTSORTEN SIND!

Sämtliche Wortbeiträge der anderen Abgeordneten wiesen wiederholt darauf hin, dass Gottfried Curio nicht in der Lage ist, eine satirische Glosse von einem journalistischen Kommentar zu unterscheiden – Germanistik in Action! Natürlich kann man diese Unterscheidung auch ohne ein abgeschlossenes Germanistikstudium kennen und anwenden, aber es zeigt, dass das Wissen um Texte, ihre Geschichte, ihre Herkunft, ihre Anwendung und ihre Bedeutung für unsere Kultur durchaus ihren praktischen Nutzen hat. Wer sich mal mit den satirischen Texten von Kurt Tucholsky auseinandergesetzt hat, weiß, wie eine Satire funktioniert und dass sie schon vor knapp hundert Jahren dazu genutzt wurde, politische und gesellschaftliche Zustände anzuprangern und zu kritisieren.

Gerade jetzt, wo eine Partei im Bundestag sitzt, die mit der Sprache provoziert und manipuliert, die – wissend oder unwissend – keine Unterscheidung zwischen satirischen Äußerungen und Kommentaren macht und die sich dabei noch auf deutsche Sprache und Kultur beruft, braucht es genau dieses Wissen darum, wie man Sprache anwendet, wie man mit Sprache manipuliert und was Texte – seien sie literarisch oder journalistisch – leisten können.

Abschließend möchte ich noch zu Jan Böhmermann kommen, der vor zwei Jahren auch am eigenen Leib – sogar ohne Zutun der AfD – erfuhr wie es ist, wenn Satire nicht als solche anerkannt, interpretiert und behandelt wird. In seinem Podcast Fest und flauschig, den er mit Olli Schulz veröffentlicht, äußerte er in Bezug auf Kommentare, die er auf Twitter bekomme, am vergangenen Sonntag folgendes:

„“Ach, guck, Böhmermann darf Ziegenficker sagen, aber Poggenburg darf nicht Kameltreiber sagen, der eine ist Satiriker beim anderen ist es Hetze“, fickt euch erstmal ihr kleinen Wichser, denkt erstmal, Textsortenerkennung, ihr blöden Wichser. Das wäre der Moment, ein Germanistikstudium, ein abgeschlossenes, mal im Schützengraben zu testen!“

Und wo Böhmermann recht hat, hat er recht. Genau dafür brauchen wir Germanistinnen und Germanisten und generell Menschen, die sich mit Texten, mit Literatur und vor allem mit Sprache auskennen, damit Leute wie Poggenburg, Curio und alle anderen, die sich Sprache, Äußerungen und Texte so hinbiegen, wie es ihnen dient, nicht unwidersprochen davon kommen.

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